Über Jahre hatte ich keine tierischen Produkte angerührt. Kein Fleisch, keine Eier, keinen Käse, keine Butter, kein Ghee, keine Milch. Das war für mich keine Phase, sondern Überzeugung — fast schon Identität. Und dann bat mich ausgerechnet mein Meister, jeden Morgen ein Glas Kuhmilch zu trinken.

Was klein klingt, war für mich eine der härteren Lektionen in Kerala. Nicht wegen der Milch. Wegen dem, was ich loslassen musste, um sie zu trinken.

„Ihr habt keine Ausdauer“

Eines Morgens kam Swamiji zu unserer kleinen Klasse — wir waren nur vier, die fest im Ashram lebten. Er ließ uns springen, dann Hanuman-Liegestütze machen, fünfzig Stück jeder. Die meisten von uns waren vor der zwanzigsten am Ende.

„Keiner von euch hat auch nur ein bisschen Ausdauer!“, sagte er. „Erst werdet ihr fit, dann übernehme ich die Klasse.“ Seine Anweisung: Jeden Morgen ein Glas Milch und eine eiweißreiche Banane.

Für die anderen war das nichts. Für mich war es ein Problem.

„Glaubst du, nach zwei Tagen Milch wirst du zum Hulk?“

Das Essen im Ashram war vegetarisch, und Milchprodukte konnte man meist gut erkennen — also hatte ich mich nie wirklich mit meiner Haltung auseinandersetzen müssen. Ich wich einfach aus. Jetzt aber bat mich mein Meister, Kuhmilch zu trinken. Immerhin von unseren eigenen Kühen, die größtenteils auf der Weide lebten.

Ich fragte ihn, wie viele Tage ich das tun solle. Er sah mich an: „Glaubst du, nach zwei Tagen Milch wirst du zum Hulk? Mach es einfach, Mann! Du wirst die Veränderung sehen!“

Eine Stunde vor dem ersten Schluck

Am nächsten Morgen stand ich in Ammas Küche. Amma, Swamijis Frau, war für viele von uns eine Mutter. Vor mir ein Glas warme Milch, frisch aus der Goshala, dem Kuhstall.

Es ekelte mich. Ich saß über eine Stunde vor diesem Glas, bevor ich es überhaupt an die Lippen brachte. Aber das Wort meines Meisters war für mich Gesetz. Ich vertraute darauf, dass er einen Grund hatte — auch wenn ich ihn in diesem Moment nicht sehen konnte.

Tag für Tag wurde der Ekel kleiner. Nach neun, zehn Tagen trank ich die Milch, ohne darüber nachzudenken. Es wurde Teil meines Morgens: Training, dann Milch und Banane, dann duschen, dann Frühstück. Etwas, das mir unmöglich erschienen war, war zur Selbstverständlichkeit geworden.

Nahrung oder Medizin

Später erklärte er mir den Gedanken dahinter: Man solle tierische Produkte als Medizin betrachten, nicht als Nahrung. Viele traditionelle Heilmittel verwenden Ghee oder Milch als Träger — ohne diesen Träger wirken sie schlechter. Es ging ihm nicht darum, meine Überzeugungen umzustoßen. Es ging ihm um etwas Konkretes: meinen Körper, meine Kraft, mein Verständnis von Heilung.

Nach ein paar Wochen ging es mir tatsächlich besser. Mehr Ausdauer, etwas mehr Gewicht und Muskeln — ich war vorher ziemlich schmal gewesen. Aber das Körperliche war nicht das Wichtigste.

Das Wichtigste war: Ich hatte nicht nur den Ekel verloren, sondern auch ein Stück Dogmatismus. Ich ernähre mich bis heute am liebsten ohne Milchprodukte und betrachte Milch nicht als Nahrungsmittel. Aber ich betrachte sie als Medizin — und ich habe seitdem Milchprodukte als Träger in Heilmitteln verwendet, für mich selbst und für Patienten. (Den Zusatz machte er gleich dazu: Echte, weidegehaltene, unverarbeitete Milch zu finden ist heute fast unmöglich — gemeint war nie das Produkt aus dem Supermarktregal.)

Was davon in Havixbeck steckt

Diese Geschichte handelt für mich nicht von Milch und schon gar nicht von der Frage, ob man Tierprodukte essen sollte. Sie handelt davon, eine feste Überzeugung lange genug beiseitezustellen, um etwas Neues erfahren zu können.

Ich hatte mich mit meiner Haltung identifiziert. Sie loszulassen — und sei es für neun Tage — fühlte sich an, als gäbe ich ein Stück von mir auf. Tatsächlich gewann ich etwas: die Fähigkeit, eine Sache erst zu prüfen, statt sie von vornherein abzulehnen, weil sie nicht zu meinem Bild von mir passt.

Genau diese Offenheit braucht es auch im Training. Viele kommen mit festen Vorstellungen, was ihr Körper kann und was nicht, was zu ihnen passt und was nicht. Das ging mir nicht anders — ich dachte beim ersten Anblick eines Kalari-Trainings: „So etwas mache ich nie.“ Wie es trotzdem dazu kam, erzähle ich im ersten Teil dieser Reihe.

Genau das versuchen Paulus und ich in Havixbeck weiterzugeben: einen Raum, in dem du etwas ausprobieren darfst, bevor du dir sicher bist, dass es nichts für dich ist. Der einfachste Einstieg ist ein kostenloses Probetraining in Havixbeck — ohne Vertrag, ohne Verpflichtung.

(Dies ist der vierte Einblick hinter die Kulissen. Weitere Geschichten folgen.)

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