Als ich das erste Mal ein Kalari-Training sah, dachte ich: So etwas mache ich nie. Zu hart, zu intensiv, zu schnell — dafür bin ich nicht gemacht. (Erst später erfuhr ich, dass ich den Fortgeschrittenen zugesehen hatte.)

Ich war eigentlich nicht für die Kampfkunst gekommen, sondern für die Heilkunst. Aber das Eigentliche, das mein Meister mir beibrachte, kam ohnehin nicht im Trainingsraum — und nie so, wie ich es erwartet hatte.

Diese Seite ist ein Blick hinter die Kulissen: wie Kalari traditionell weitergegeben wird, und warum genau das bis heute prägt, wie wir in Havixbeck unterrichten.

Kein Stundenplan: das Gurukulam

In Indien heißt der traditionelle Weg zu lernen Gurukulam — man lebt mit dem Meister und lernt ihn, indem man um ihn herum ist. Das bedeutet: keine festen Theoriestunden zu festen Zeiten. Der Meister unterrichtet, wann er den richtigen Moment spürt. Manchmal mit Worten, meistens, indem er dich in Situationen schiebt, die deine Wahrnehmung und deine Muster verändern.

Ich kam 2012 zum ersten Mal — erst für ein paar Tage, dann für sechs Monate, dann für zwei Jahre. Seitdem bin ich jedes Jahr dort gewesen, die meiste Zeit zusammen mit meinem Bruder Paulus. Insgesamt über zehn Jahre bei Großmeister Swami Hanuman Das.

Und meine erste Aufgabe? Pflanzen gießen.

„Wie willst du Patienten verstehen, wenn du nicht mal Tiere verstehst?“

Das Ashram-Gelände war groß. Außerhalb der Regenzeit dauerte das Gießen fast den ganzen Tag. Ich dachte ehrlich: Das kann doch jeder. Ich könnte etwas Wichtigeres tun. Mehrmals versuchte ich, ins Büro zu fliehen — dort hätte ich mit meinen Computerkenntnissen doch sicher mehr genützt.

Später kamen Tiere dazu. Ein Jahr mit einer Zeckenplage, manche Hunde völlig übersät — also wuschen und versorgten wir die Hunde. Dann Kühe, Katzen, Hühner. Ich musste Pflanzen finden, von denen ich nicht wusste, wo sie wuchsen, die besten für Öle und Medizin sammeln, und dafür sorgen, dass Tiere und Pflanzen immer Wasser und Futter hatten.

Auf unseren Spaziergängen blieb Swamiji oft stehen: „Warum hast du hier nicht gegossen?“ Wenn ich sagte, das hätte ich längst, zeigte er auf genau eine Pflanze. Ich war sicher, sie gegossen zu haben. Er bat mich, die Erde zu fühlen — sie war trocken. Jedes Mal. Wie er aus Hunderten Pflanzen die eine fand, die ich übersehen hatte, war mir ein Rätsel.

Einmal bellte Ravana, ein großer Schäferhund. „Hat er Wasser?“ — „Ich hab ihm heute Morgen welches gegeben.“ — „Geh nachschauen!“ Ravana hatte seinen Eimer umgeworfen und stand ohne Wasser da. Als ich zurückkam, sagte Swamiji: „Wie willst du einmal Patienten verstehen, wenn du nicht einmal Tiere verstehst?“

Ich verstand den Satz nicht. Menschen können doch sprechen — sie sagen mir einfach, was sie haben. Es dauerte ungefähr ein Jahr, bis ich ihn begriff.

Eines Tages, auf dem Weg zum Essen, blieb ich plötzlich stehen. Es war, als hätte mich eine Pflanze gerufen, an der ich gerade vorbeigegangen war. Ich hatte sie nicht einmal angesehen — und wusste trotzdem. Ich ging zurück: hängende Blätter, trockene Erde. Wochen später hörte ich Ravana aus der Ferne bellen und wusste einfach: Er braucht Wasser. Er hatte keins mehr.

Heute, wenn ich Patienten behandle, ist es dasselbe. Manche vergessen, das Knie zu erwähnen oder den Rücken. Manche sagen „Schulterschmerz“ und meinen die Brustwirbelsäule, sagen „Hüfte“ und meinen die Lende. Oft spüre ich das eigentliche Problem schon, während sie noch reden. Diese Fähigkeit hat mir das Gießen beigebracht — nicht der Kopf, sondern die jahrelange Aufmerksamkeit für etwas, das nicht in Worten antwortet.

Über drei Monate, bis ich einen Patienten berühren durfte

Ich war für die Heilkunst gekommen und überzeugt: Ich kann schon etwas. Ich hatte Ergotherapie gelernt, kannte Massagegrundlagen. Also wollte ich behandeln — nicht nur zusehen.

Wochenlang durfte ich zusehen. Als ich endlich fragen durfte, mitzumachen, hieß das: die Kizhi (gesprochen Kili) vorbereiten — Kräuterbeutel, die in Öl gekocht und heiß aufgelegt werden. Erhitzen und anreichen. Auflegen durfte ich sie nicht.

Es dauerte über drei Monate, bis ich einen Patienten überhaupt berühren durfte — und dann nur eine einzige, einfache Bewegung am Rücken. Üben sollte ich nach der Behandlung auf der leeren Liege, mit einem Handtuch in der Hand. So werde die Liege sauber und ich bekäme Übung, sagten die Senioren. Ich fand es lächerlich. Ich wollte an echten Menschen üben, nicht an einem Möbelstück.

Irgendwann drängte ich zu sehr. Mitten in einer Behandlung gab mir mein Senior wortlos das Zeichen, zu übernehmen — und ich war nicht vorbereitet. Ich hatte ja kaum auf der Liege geübt. Ich suchte im Kopf nach der nächsten Bewegung, kam zur Lende, wo ein Kreis kommt — aber ich wusste nicht mehr, in welche Richtung. Ich entschied mich falsch. Mit einer kleinen Kopfbewegung schickte er mich von der Liege weg. Ich hatte meine Chance bekommen und vertan.

Danach ging ich zurück zu den Kräuterbeuteln und der einen Bewegung am Rücken. Aber der Gedanke, ich wüsste schon genug, war endlich weg. Und ich begann, die Liege im Massagestil mit dem Handtuch zu „reinigen“ — innerhalb weniger Wochen saßen die Bewegungen.

Erst Jahre später, mit meinen eigenen Schülern, verstand ich, warum. Ich hatte ihnen alles erklärt: jede Bewegung, das Warum, die ganze Sequenz aufgeschrieben — so, wie es mir nie jemand erklärt hatte. Das Ergebnis: Sie waren überladen mit Theorie und konnten es trotzdem nicht. Sie fühlten nicht, was ich fühlte.

Meine Hände hatten gelernt, wann mehr Druck nötig ist und wann weniger, ohne dass mein Kopf es entscheiden musste. Diese Erklärung hatte ich nie bekommen. Stattdessen hatte ich monatelang dieselbe einfache Bewegung an verschiedenen Menschen gemacht — und dabei eine Sensibilität in den Händen entwickelt, die ohne den Verstand arbeitet. Meine Hände spürten, was ich nicht in Worte fassen konnte. Sie taten es einfach.

Was davon in Havixbeck steckt

Lange dachte ich, Swamiji habe einfach gewartet, bis mein Ego bricht. Das stimmt auch. Aber da war mehr: Der traditionelle Weg ist langsam, weil er nicht den Kopf füllt, sondern den Körper schult. Du lernst nicht über etwas — du wirst es.

Genau aufgrund dieser Erfahrungen habe ich beschlossen, es anders weiterzugeben: nicht nur die Technik, sondern die Veränderung dahinter — das, was Kalari aus mir gemacht hat. Deshalb unterrichten Paulus und ich Kalari nicht als reine Abfolge von Formen, sondern mit den Anwendungen dahinter — und mit der Geduld, die es braucht, damit etwas wirklich in den Körper geht statt nur in den Kopf. Und weil sich gerade das, was Kalari einem auf der tiefsten Ebene gibt, in einem normalen Kurs kaum weitergeben lässt, gibt es bei uns die persönlicheren Wege: Behandlungen, Retreats und Einzelstunden.

Wenn du wissen willst, wie und wo man das in Deutschland lernen kann, habe ich das hier zusammengetragen: Kalaripayattu in Deutschland lernen.

Und wenn du es einfach erleben willst: Der unkomplizierteste Einstieg ist ein kostenloses Probetraining in Havixbeck — ohne Vertrag, ohne Verpflichtung.

(Dies ist der erste von mehreren Einblicken hinter die Kulissen. Weitere Geschichten folgen.)

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